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Naturgefahren in Deutschland

Naturereignis, Naturgefahr, Katastrophe? Die Begrifflichkeiten rund um Stürme, Erdbeben, Hochwasser und Co. sind nicht immer einfach einzuordnen. Geophysikalische, meteorologische, hydrologisch oder klimatologische Prozesse wie diese, werden zunächst als Naturereignisse bezeichnet. Können Menschen und ihre Wertgüter davon potenziell betroffen sein, spricht man von einer Naturgefahr (Dikau u. Voss, 2021). Ein Vulkanausbruch auf einer unbewohnten Insel ist demnach ein Naturereignis, welches zunächst keine direkte Gefahr für den Menschen darstellt. Ein Vulkanausbruch in einem bevölkerten Gebiet würde entsprechend hohen potenziellen Schaden für Menschen und Wertgüter bedeuten und ist damit als Naturgefahr zu bezeichnen.

Wenn ein Naturereignis eingetreten und auf Grund dessen ein (hoher) Schaden entstanden ist, spricht man von einer Katastrophe. Der Begriff „Naturkatastrophe“ hingegen ist irreführend, da er den Eindruck vermittelt, dass allein die Natur die Katastrophe auslöst. Der Mensch ist jedoch in jedem Fall Teil des Gefüges, da durch Wechselwirkungen zwischen menschlichem Handeln und Naturgefahren die eigentlich natürlichen Ereignisse beeinflusst und zum Beispiel mit Blick auf den Klimawandel nur durch das Zutun des Menschen verstärkt werden (Dikau u. Voss, 2021). Gerade vor dem Hintergrund der Katastrophenvorsorge und einer Sensibilisierung der Bevölkerung vermeidet das DKKV den Begriff „Naturkatastrophe“.

Häufigkeit und Schadensausmaß

Deutschland ist im globalen Vergleich selten von Katastrophen im Kontext von Naturgefahren betroffen (Marx et al., 2017). Die hohe Bevölkerungsdichte geht in Deutschland nach sozio-ökonomischen Betrachtungen meist mit einer Werteakkumulation einher. Dadurch können Naturereignisse einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden nach sich ziehen (Münch, 2020). Welche Naturgefahren sind also speziell für Deutschland relevant?

Nach EM-DAT, einer internationalen Datenbank für Katastrophen, traten für Deutschland im Zeitraum von 1990 bis 2020 insgesamt 80 Katastrophen im Zusammenhang mit Naturgefahren auf. Diese werden in die Datenbank aufgenommen, sofern mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllt wird:

  • mind. zehn Todesopfer
  • mind. 100 betroffene Personen
  • Ausruf des Notstandes (state of emergency)
  • Aufruf für internationale Hilfe

Am häufigsten wurden in Deutschland in diesem Zeitraum Stürme, gefolgt von Überschwemmungen und extremen Temperaturen, registriert (Abb. 1, links). Epidemien, Erdbeben und Lawinen finden zwar auch Eingang in die Datenbank, traten allerdings weit weniger häufig auf. Dagegen fällt auf, dass die insgesamt verzeichneten Todesfälle (Abb. 1, rechts) hauptsächlich der Kategorie extremer Hitze (96 %) zuzuordnen sind. Ausschlaggebend hierfür war die Hitzewelle im Sommer 2003 mit über 9.000 Todesopfern. Anzumerken sind an dieser Stelle allerdings die zurzeit verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie, die in dieser Graphik noch nicht dargestellt sind. Die Gründe und Folgen zeigen, dass auch Epidemien/Pandemien zu den ernstzunehmenden Gefahren zählen, die zukünftig häufiger auftreten könnten (IPBES, 2020).

Neben der Häufigkeit von Naturereignissen, ist auch das Schadensausmaß relevant für die Einschätzung von Naturgefahren. Die Münchener Rück (Tabelle 1) verzeichnete in Deutschland im Zeitraum von 1980 bis 2017 einen von wetterbedingten Schadenereignissen verursachten wirtschaftlichen Gesamtschaden[1] von 96,3 Mrd. Euro (Munich Re, 2018).

Hier machten meteorologische Ereignisse (z.B. Stürme) mit 61% den größten Anteil aus. 33% des Gesamtschadens waren auf hydrologische Ereignisse (Überschwemmungen und Massenbewegungen) zurückzuführen und 6% waren klimatologischen Ursprungs (z.B. Hitzewellen). Allerdings waren Überschwemmungen in der jüngeren Vergangenheit vermehrt für die höchsten wirtschaftlichen Schäden verantwortlich (Marx et al., 2017).


[1] Inflationsbereinigt mittels landesbezogenem Verbraucherpreisindex unter Berücksichtigung von Wechselkursänderungen gegenüber dem US$.

Tabelle 1: Die 10 Schadenereignisse mit höchstem gesamtwirtschaftlichem Schaden in Deutschland von 1980 bis 2017. Datenquelle: Munich Re, NatCatSERVICE, 2017 in: Munich Re, 2018. *Originalwerte
Datum Ereignis Betroffene Region Gesamtschaden in Mio Eur* Todesfälle  
Juli 1984 Hagelsturm Bayern 1500    
Dezember 1999 Wintersturm "Lothar" Baden-Württemberg 1600 15  
August 2002 Überschwemmungen, Sturzflut Sachsen, Sachsen-Anhalt 11600 21  
Oktober 2002 Wintersturm "Jeanett" Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Hessen, Schleswig-Holstein 1200 11  
Juni - August 2003 Hitzewelle, Dürre ganz Deutschland 1500 9000  
Januar 2007 Wintersturm "Kyrill" ganz Deutschland 4200 13  
Mai/Juni 2008 Sommersturm "Hilal", Hagel, Sturzflut Baden-Württemberg 1100 3  
Mai/Juni 2013 Überschwemmungen Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen 8000 8  
Juli 2013 Hagelstürme, Sommerstürme Baden-Württemberg, Niedersachsen 3600  
Mai/Juni 2016 Sturzflut, Sommersturm Bayern, Baden-Württemberg 1800 7  

Sowohl aus der Perspektive der Häufigkeit von Katastrophen als auch des Schadensausmaßes von wetterbedingten Ereignissen, sind für Deutschland vor allem Stürme und Überschwemmungen aber auch extreme Temperaturen wie Hitzewellen als Naturgefahren auszumachen. Diese werden im Folgenden kurz vorgestellt, weitere Informationen sind den entsprechenden Themenseiten zu entnehmen.

Stürme entstehen durch Druckunterschiede und können in Winterstürme und konvektive Stürme unterteilt werden (Marx et al., 2017). Winterstürme entstehen für gewöhnlich über dem Nordatlantik, weshalb der Nordwesten Deutschlands am häufigsten und stärksten von ihnen betroffen ist. Konvektive Stürme, als Ergebnis von Temperaturschwankungen, können zu starkem Hagel führen und betreffen vor allem den Süden Deutschlands (Kreibich et al., 2014; Marx et al., 2017). Sie sind räumlich begrenzter, treten jedoch mit 10 bis 40 Sturmtagen im Jahr wesentlich häufiger auf als Winterstürme (Marx et al., 2017). Mehr Informationen auf der Themenseite Wind und Sturm.

Überschwemmungen beinhalten in Bezug auf Deutschland Hochwasser durch Starkniederschlag, Flusshochwasser und Sturzbäche durch beispielsweise Schneeschmelze oder Starkniederschlag, sowie Küstenhochwasser nach Sturmfluten (Marx et al., 2017). Im Winter kann Flusshochwasser durch dynamische Tiefdruckgebiete „Zyklonen“ im Westen ausgelöst werden, wobei das Hochwasser hauptsächlich in den Einzugsgebieten des Rheins und der Weser auftritt, während die Donau im Süden Deutschlands vor allem im Frühling, durch die Schneeschmelze, und im Sommer, aufgrund von Zyklonen im Südwesten, Hochwasser führt (Beurton u. Thieken, 2009). Bedingt durch die Kombination von auflandigen Winden und niedrigerem atmosphärischen Druck, treten Sturmfluten an der Nord- und Ostsee meistens in den Wintermonaten auf (Marx et al., 2017). Mehr Informationen auf der Themenseite Starkregen.

Unter den extremen Temperaturen werden vor allem Hitzewellen in Stärke und Frequenz, bedingt durch den Klimawandel, zunehmen und können darüber hinaus auch Dürren und Waldbrände begünstigen (Meehl u. Tebaldi, 2004). Als Hitzewelle wird meist eine Periode von fünf bis sieben Tagen mit Temperaturen über 30 °C definiert (Kreibich et al., 2014). Zur Themenseite Hitzewellen. Mehr Informationen auf der Themenseite Hitzewellen sowie im Hitzeflyer.

Erdbeben sind weit weniger prominent in ihrer Erscheinung, zählen allerdings auf Grund der tektonischen Gegebenheiten in manchen Regionen Deutschlands durchaus zu potenziellen Naturgefahren. Sie treten als Folge von seismischen Aktivitäten nördlich der Alpen auf (Kreibich et al., 2014). Besonders Gebiete um den Oberrheingraben und die Niederrheinische Bucht, welche größtenteils dicht besiedelt ist, sind hiervon betroffen (Marx et al., 2017). Einige dieser Gebiete sind nicht nur aufgrund ihrer natürlichen tektonischen Verhältnisse Erdbeben exponiert, sondern beispielsweise auch durch menschliches Wirken in Form des Bergbaus (besonders im Ruhrgebiet). Ein weiteres Gebiet mit erhöhter Seismizität ist das Vogtland in Sachsen und Thüringen im Osten Deutschlands (ebd.) Mehr Informationen auf der Themenseite Erdbeben sowie in der Risikoanalyse des Bundes.

Risikoeinschätzung durch Informationsportale

„Ob aus Naturereignissen Katastrophen werden, hängt von der Anfälligkeit und Vorsorge der Gesellschaft ab“ (Bittner et al., 2009: 7). Eine umfangreiche Auseinandersetzung über mögliche Ereignisse und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen, wie zum Beispiel Bauplanung und Versicherungen, ist demnach nicht nur auf nationaler, sondern auch auf persönlicher Ebene empfehlenswert. Zur Einschätzung von potenziellen Gefahren und Risiken im Wohnumfeld finden sich online zahlreiche Informationsportale.

Der CEDIM Risk Explorer des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ermöglicht es Nutzer:innen die Gefahren durch Naturereignisse in Deutschland einschätzen zu können. Auf einer interaktiven Karte wird dargestellt, wie anfällig die verschiedenen Regionen gegenüber Winterstürmen, Erdbeben, Fluten und anthropogenen Katastrophen sind. In Kombination mit der Vulnerabilität der Region kann das daraus folgende Risiko abgelesen werden.

GIS – ImmoRisk des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hingegen zeigt, wie sich die Gefahr durch Winterstürme, Hagelereignisse, Starkregen, Waldbrände und Hitzewellen in Zukunft, bedingt durch den Klimawandel, entwickeln wird. Diese Anwendung ist hauptsächlich dazu gedacht, die Gefährdung möglicher oder bereits vorhandener Immobilienstandorte bewerten zu können, kann aber auch von der breiten Öffentlichkeit zur Information genutzt werden.

Die Gefahr durch Hochwasser lässt sich durch Pegel Online und das länderübergreifende Hochwasserportal bestimmen. Beide Dienste zeigen aktuelle Pegelstände für ganz Deutschland an und verfügen über umfassende Datensätze, die zur Information eingesehen werden können.

Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) bietet anhand einer interaktiven Online-Karte eine Übersicht über alle aktuellen Wetterwarnungen in Deutschland, sowie eine WarnWetter-App, zur direkten persönlichen Warnung.

Die Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes, kurz Warn-App NINA, warnt über verschiedene Gefahrenlagen. So werden neben Wetterwarnungen und Hochwasserwarnungen auch Informationen beispielsweis zur Corona-Pandemie oder möglichen Gefahrstoffausbreitung angeboten.

All diese Dienste ermöglichen es, sich einen guten Überblick über die generelle und aktuelle Gefahrenlage in Deutschland zu verschaffen und gegebenenfalls Vorsorgemaßnahmen zu treffen.

Wie der Klimawandel und die damit einhergehende Klimakrise Extremereignisse und Katastrophen beeinflusst, können Sie in unserem DKKV-Newsletter vom Juni 2021 lesen. Bezug auf das Thema Naturgefahren und Klimawandel nimmt auch der DKKV-Newsletter von März 2021, in dem es um Absicherungen in Form von Klimarisikoversicherungen als ein Beispiel für mögliche Präventionsmaßnahmen geht.

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