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Forensische Katastrophenanalyse

Wo liegt der Ursprung der Forensischen Katastrophenanalyse?

Dem Gabler Wirtschaftslexikon zufolge stammt der Begriff „Forensik“ aus dem Lateinischen (lat. forum für Marktplatz, Forum), vor dem Hintergrund der zu Zeiten des antiken Roms öffentlich auf dem Marktplatz veranstalteten Gerichtsverfahren und Urteilsverkündungen. Forensik findet heute vor allem in der Aufarbeitung kriminalistischer Fälle Anwendung und bezeichnet die systematische Identifikation, Analyse und Rekonstruktion der Handlungen und Abläufe in verschiedenen Teilgebieten (z.B. Forensische Psychiatrie, Toxikologie oder Altersdiagnostik).

Mit dem Projekt Forensic Investigations of Disasters (FORIN) entwickelte das internationale Forschungsprogramm „Integrated Research on Disaster Risk” (IRDR) das Feld der Forensik im Kontext der Katastrophenbewältigung weiter. In der Forensischen Katastrophenanalyse (Forensic Disaster Analysis, FDA) bezeichnet der Begriff „Forensik“, zusätzlich zur systematischen Herangehensweise an Analyse und Rekonstruktion von Katastrophen sowie deren Auslöser, die Zusammenführung von Forschungsansätzen und -methoden aus unterschiedlichen Disziplinen mit dem Ziel, ein möglichst umfassendes Gesamtbild des Ereignisses zu erstellen (IRDR 2011; CEDIM, 2020; KIT 2020). Dieser Forschungsansatz ermöglicht es, die komplexen Wechselwirkungen bei Schaden und Naturereignissen nachzubilden und zu analysieren (KIT 2020). Als einer der Akteure der Forensischen Katastrophenanalysen fügte das Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) – eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung des Karlsruher Instituts für Technologie – die Komponente der Ereignisnähe hinzu (ebd.). Dies bedeutet, dass eine Analyse wenige Stunden bis Tage nach dem Ereignis verfügbar sein soll (ebd.).

Was sind die Merkmale der Forensischen Katastrophenanalyse?

Die Methoden und Berichtsformen der herkömmlichen Aufarbeitung und Bewertung von Schadenereignissen lassen, laut dem FORIN Report, viele Fragen offen, vor allem wenn diese primär disziplinär ausgerichtet sind. Demnach liegt dabei der Fokus meist auf der Untersuchung der rein physikalischen Hintergründe der Ursachen, beziehungsweise den technischen und strukturellen Folgen des Ereignisses (IRDR 2011). Zwar werden auch die Vorbereitungen auf den Katastrophenfall, wie zum Beispiel der Einsatz von Frühwarnsystemen, die Soforthilfe, Wiederaufbaumaßnahmen und auch die politischen Maßnahmen beurteilt (ebd.). Jedoch behandeln diese Ansätze meist nicht die oftmals unterliegenden Langzeiteinwirkungen, die erst in Kombination und durch komplexe Kaskadeneffekte und/oder Wechselwirkungen der verschiedenen Systeme zu einem Katastrophenereignis führen (ebd.).

An diesem Punkt setzt die Forensische Katastrophenanalyse an. Um qualitative Handlungsempfehlungen und Interventionsmaßnahmen zu ermöglichen, konzentrieren sich die CEDIM-Analysen hauptsächlich auf die Interaktionen des Dreiecks Naturereignis, technische Einrichtungen/kritische Infrastrukturen und gesellschaftliche Strukturen (KIT 2020).  Damit stehen also nicht nur die Analysen der Ursachen und Folgen von Katastrophenfällen im Vordergrund, sondern auch die Betrachtung von schadensfördernden und -reduzierenden Rahmenbedingungen. Zudem ist das Ziel des FDA-Ansatzes von CEDIM die Analysen möglichst zeitnah nach einer Katastrophe durchzuführen und die Ergebnisse zu veröffentlichen. Je nach Ereignis und den verfügbaren Ressourcen werden erste Aussagen über das Ausmaß einer Katastrophe, deren Folgen und ökonomische Schäden bereits einige Stunden bis wenige Tage nach dem Enereignis getroffen werden. Diese schnellen Analysen sind hilfreich, um möglichst schnell und effektiv situationsspezifische Maßnahmen einleiten zu können (Kunz 2019 in DKKV Newsletter 04/2019).

Die Schadenschätzung wird über statistische Verfahren getroffen, die den footprint des Ereignisses (z.B. Überschwemmungsflächen, Shake Maps) mit Informationen über vergleichbare vergangene Katastrophen und mit wichtigen Kennzahlen der betroffenen Region (Gebäudedaten, Human Development Index (HDI), Bruttoinlandsprodukt, Bildungsstand etc.) verknüpft (Daniell, 2014; Daniell et al., 2017). Die Einbeziehung von erfolgreichem aber auch gescheitertem Katastrophenmanagement hilft hier besser zu verstehen, unter welchen Umständen ein Naturereignis zu einer Katastrophen wird (IRDR 2011).

Vor allem die Interdisziplinarität spielt in der Forensischen Katastrophenanalyse eine wichtige Rolle. Verschiedene Ansätze aus (Natur)Wissenschaft, Technik, Fernerkundung oder aus dem Crowdsourcing kommen hier zum Tragen (Kunz et al. 2013; Wenzel et al. 2013). Letzteres bezeichnet das Hinzuziehen von Beiträgen aus Sozialen Medien, um auf schnelle Informationen aus der Bevölkerung zurückgreifen zu können (ebd.). Allerdings werden nicht nur verschiedene Forschungsrichtungen, sondern auch unterschiedliche Interessengruppen und Politiker_innen miteinbezogen, um die optimale Synergie und Wirksamkeit der Analysen und Ausgewogenheit zwischen den Kerndisziplinen zu gewährleisten (IRDR 2011).

Abbildung 1 verdeutlicht die Herangehensweise der Forensischen Katastrophenanalyse nach Oliver-Smith et al. (2016). Der “design path”, von außen nach innen verlaufend, zeigt den Hintergrundgedanken der Analyse. Am Anfang stehen die “root causes”, dem Prozess unterliegende Ursachen, die zum Beispiel Strukturen oder Entscheidungen beeinflussen. Das Zusammenspiel mit entsprechenden Risikotreibern und der Vulnerabilität des Standortes führt dann zu den das Ereignis auslösenden Ursachen. Darauf aufbauend zeigt der “research path” den tatsächlichen Weg der Analyse nach dem Eintritt der Katastrophe. Hier führt der Pfad nach außen, mit der Identifizierung der “root causes” als Endpunkt. Diese Arbeitsweise stellt sicher, dass möglichst vollständig und tiefgründig identifiziert werden kann, wie aus einem Ereignis eine Katastrophe werden konnte.

Forschungsansätze der Forensischen Katastrophenanalyse (FORIN) (Oliver-Smith et al. 2016)

  1. Betrachtung von Prozessen, die in der Vergangenheit zu einer Katastrophe geführt haben, um die zeitliche Entwicklung dieser nachvollziehen zu können.
  2. Erstellung von Katastrophenszenarien: Basierend auf bekannten Gefahren werden zukünftig möglicherweise eintretende Ereignisse analysiert, die potenziell zu Katastrophen beitragen können.
  3. Vergleich der Auswirkungen eines Katastrophenereignisses auf unterschiedliche soziale Gruppen, um der Katastrophe zugrunde liegende Ursachen identifizieren zu können.
  4. Literaturrecherche zur Bestimmung von übereinstimmenden und widersprüchlichen Aussagen verschiedener Studien.

Ziele der (FORIN-) Forensischen Katastrophenanalyse (IRDR 2011)

  • Aufzeigen der lokalen Erscheinungsformen von Katastrophenursachen
  • Propagieren einer ‘Lernkultur’ bei allen Interessengruppen
  • Förderung der Kommunikation zwischen Forschung und Praxis zum Aufbau eines gemeinsamen Diskurses
  • Betonung der Nachhaltigkeit in Risikomanagement und Risikominderung
  • Stärkere Eingliederung der Reduzierung menschlicher Folgen
  • Entwicklung von Fallstudien zur Herausstellung von Risikotreibern

Literatur und weiterführende Quellen:

CEDIM (2020): Research Report 2017-2020

DKKV (2020): Forensische Katastrophenanalyse. DKKV Newsletter Juni 2020.

Daniell, J.E. (2014): The Development of Socio-Economic Fragility Functions for use in Worldwide Rapid Earthquake Loss Estimation Procedures.

Daniell, J.E., Wenzel, F., Schaefer, A.M. (2017): The use of historic loss data for insurance and total loss modelling. In: Risk Modeling for Hazards and Disasters (Eds. G. Michel), Elsevier Ltd., Amsterdamm, Netherlands.

Integrated Research on Disaster Risk (IRDR) (2011): Forensic Investigations of Disasters: The FORIN Project (IRDR FORIN Publication No. 1).

KIT (2020): CEDIM. Forensische Katastrophenanalysen.

Kunz, M., Mühr, B., Kunz-Plapp, T., Daniell, J.E., Khazai, B., Wenzel, F., Vannieuwenhuyse, M., Comes, T., Elmer, F., Schröter, K., Fohringer, J., Münzberg, T., Lucas, C., Zschau, J.  (2013): Investigation of superstorm Sandy 2012 in a multi-disciplinary approach. Nat. Hazards Earth Syst. Sci., 13, 10, 2579.

Oliver-Smith, A., Alcántara-Ayala, I., Burton, I. und A. Lavell (2016): Forensic Investigations of Disasters (FORIN). A conceptual framework and guide to research.

Wenzel, F., Daniell, J., Kunz, M. und B. Khazai (2013): Near Real-Time Forensic Disaster Analysis.

 

CEDIM-Berichte zur Forensischen Katastrophenanalyse finden Sie hier.