Brasilien hat in den letzten Jahren große wirtschaftliche und soziale Fortschritte gemacht. Rio de Janeiro ist eines der Aushängeschilder für den Anspruch der Regierung, international stärker anerkannt zu werden. Ein Symbol dafür ist die Wahl Rio de Janeiros als Austragungsort der Olympischen Spiele 2016, bei der Präsident Lula die besten Spiele aller Zeiten ankündigte und versicherte, Rio sei bereit! Wie konnte es aber dazu kommen, dass 24 Stunden Regen diese Stadt ins Chaos stürzen und über 290 Menschen sterben? Und welche Lehren lassen sich für Rio und andere Megastädte daraus ziehen?
Was ist eigentlich passiert?
Rio de Janeiro liegt an der Atlantikküste, im subtropischen Regenwaldgebiet Mata Atlantica. Entsprechend regnet es häufig und viel in Rio. Vom 5. bis 6. April regnete es jedoch in 24 Stunden mit 280 Millimetern das Doppelte des sonst im ganzen Monat April Üblichen, soviel wie seit 1966 nicht mehr. Die gebirgige Topographie an der Küste, die den Reiz der „Cidade Maravilhosa“ („Wunderbare Stadt“) wesentlich ausmacht, führt dazu, dass es in der Stadt unendlich viele Steilhänge gibt. Diese sind trotz der schwierigen Baubedingungen für zumeist arme Familien als Wohnort sehr attraktiv, denn sie liegen zentral in der 12 Mio. Metropole (Stadt Rio und Vororte) und können illegal, aber dafür günstig bebaut werden. Die herrliche Aussicht und das gute Klima ziehen jedoch auch die Oberschicht an, die ebenfalls häufig ohne Baugenehmigung Villen an den Bergen in die Höhe zieht. Dabei sind die steilen Felsen häufig nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt, die dem Bewuchs wenig Halt geben kann. Und so rutschten während und nach dem großen Regen nun an fast 1.000 Stellen die Hänge ab und begruben unzählige Häuser. Über 290 Menschen starben, 418 wurden verletzt. Mehrere tausend Familien verloren ihre Häuser oder dürfen aufgrund des hohen Risikos weiterer Erdrutsche nicht in ihre Häuser zurückkehren. Alle Todesfälle passierten in den Armensiedlungen („Favelas“), aber auch einige wohlhabende Familien können – zumindest vorläufig - nicht mehr in ihre Häuser zurück. Die meisten Toten waren beim Abrutschen eines Hanges zu beklagen, an dem sich die Menschen auf einer geschlossenen Müllkippe angesiedelt hatten. Parallel zu den dramatischen Szenen an den Hängen stürzte die Innenstadt Rios aufgrund der großen Wassermassen ins Chaos, die die Kanalisation völlig überforderten, zentrale Straßen überschwemmten, in Häuser eindrangen und den Verkehr lahm legten. Dabei kam es glücklicherweise nur zu Sachschäden.
Ursachen, Konsequenzen und Lehren dieser Katastrophe
Die Debatte über die Ursachen und Konsequenzen der Ereignisse wurde noch am Tag der Katastrophe begonnen und von den Medien forciert. Zentrale Aspekte der bisherigen Debatte sind:
· Strukturelle Probleme: Grundsätzlich wird die besonders hohe und komplexe Anfälligkeit der armen Bevölkerung in den Favelas, v.a. an Steilhängen anerkannt und für die Zukunft der Bedarf an risikobewusster Stadtplanung und ihrer konsequenten Umsetzung ebenso wie an verbessertem Katastrophenmanagement gesehen.
· Umstrittene Verantwortung: Während die Stadtverwaltungen v.a. die ungewöhnlich hohen Niederschlagsmengen, d.h. die Natur, für die Katastrophe verantwortlich machen, stellen Wissenschaftler und andere Kommentatoren die Defizite in Stadtplanung und Katastrophenmanagement, d.h. die menschliche Verantwortung, heraus. In der Bevölkerung finden sich beide Sichtweisen. Zwischen Entscheidungsträgern und Wissenschaftlern wird zudem darüber gestritten, inwieweit man das Risiko aufgrund bekannter Analysen hätte kennen müssen. Ganz besonders gilt dies für die Favelas, die auf geschlossenen Müllkippen entstanden und teilweise mit öffentlicher Infrastruktur (v.a. Straßen) sogar gefördert wurden.
· Umsiedlung der Bevölkerung in Risikogebieten: Bereits in den ersten Tagen nach der Katastrophe wurden besonders gefährdete Randgebiete von Favelas evakuiert und ein Dekret zur breiten Umsiedlung aus Risikozonen erlassen. Die Menschen sollen neue Wohnungen im Rahmen bestehender Förderprogramme für Sozialen Wohnungsbau erhalten. Die ersten Wohnungen wurden bereits medienwirksam übergeben. Die Forderung nach großflächigerer Umsiedlung ist jedoch sehr umstritten, denn: Auf welcher Grundlage soll die Ausweisung der Risikogebiete erfolgen? Ist Umsiedlung bei Rios 700 Favelas überhaupt realistisch? Und wieweit muss die Umsiedlung auch illegale Bauten reicher Familien erfassen?
Leider wird in der Debatte bisher nur am Rande zur Kenntnis genommen, dass im Südwesten Brasiliens seit 2008 mehrere ähnliche Katastrophen von extremen Regenfällen ausgelöst wurden, zuletzt im Süden des Bundesstaates Rio und in Brasiliens größter Metropole São Paulo. Und auch die Warnung der Wissenschaftler, dass es aufgrund des Klimawandels sicher nicht wieder 40 Jahre bis zu ähnlichen Regenfällen dauern wird, gingen in der Diskussion um die aktuellen Prioritäten unter. Und so steht im Moment die Versorgung der betroffenen Bevölkerung im Vordergrund, während Versprechungen für einen verbesserten Katastrophenschutz und Präventionsmaßnahmen noch unkonkret bleiben. Immerhin werden an vielen Orten nun zügig Risikoanalysen durchgeführt. Es bleibt abzuwarten, welche Qualität und Folgen diese Analysen haben werden und inwieweit die angekündigten Ansätze zur Risikoreduzierung tatsächlich angegangen werden. Interessant wird dabei sein, ob sie im Rahmen des aktuellen Präsidentschafts-, Parlaments- und Gouverneurs -Wahlkampfes bis Oktober eine Rolle spielen werden.
Vier grundsätzliche Lehren können aus der Katastrophe für Rio, aber auch für andere (Mega)städte, gezogen werden:
1. Eine gute und den Entscheidungsträgern bekannte Risikoanalyse ist das A&O für eine angemessene Vorbereitung, einen effektiven Katastrophenschutz und langfristige Präventionsstrategien. In Rio wurde das Fehlen einer solchen anerkannten Entscheidungsgrundlage während der Regenfälle sowie in der folgenden Debatte schmerzlich bewusst. Eine umfassende Risikoanalyse sollte deshalb bereits VOR einer Katastrophe höchste Priorität erhalten.
2. Die Berücksichtigung der Risiken bei der Stadtplanung ist die Voraussetzung für langfristige Risikominderung. Dies gilt insbesondere für Städte, die wie Rio weiter wachsen und einen starken Zuzug von armen Familien in Risikogebiete verzeichnen. Die defizitäre Stadtplanung muss ausgebaut werden, die Naturrisiken integriert und ihre Umsetzung überprüft werden.
3. Lokale, transparente und integrierte Lösungen für Katastrophenschutz und Prävention sind notwendig. Es ist nicht vermittelbar, realistisch und nachhaltig, z.B. für Rio nun eine grundsätzliche Umsiedlung aller Häuser in Risikogebieten zu fordern. Das zeigen Erfahrungen von 1966 und auch jetzt werden bereits erste betroffene Gebiete wieder neu bebaut. Stattdessen ist es nötig, für jedes Risikogebiet mit der Bevölkerung und auf einer fundierten Informationsgrundlage nach angemessenen Lösungen zu suchen. Die Diskussion muss transparent sein, die Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigen und integrierte Lösungen z.B. im Rahmen einer Stadtteilsanierung anstreben. Nur so kann vor Ort Unterstützung für gemeinsam beschlossene Maßnahmen (Umsiedlung, Bauweise, Präventionsmaßnahmen etc.) und eine nachhaltige Risikoreduzierung erreicht werden. Der lokale und partizipative Ansatz ist zwar in einer großen Stadt mit vielen Risikogebieten sehr aufwändig, aber der einzige Weg, der ihrer Komplexität gerecht wird und dauerhaft Erfolg verspricht.
4. Die Internationale Gemeinschaft muss weiter bei der Sensibilisierung der Entscheidungsträger helfen. Zwei Wochen vor der Katastrophe fand in Rio das 5. UN-Habitat World Urban Forum statt . In Debatten zu Katastrophenvorsorge und Anpassung an den Klimawandel wurde dort wiederholt betont, dass in den Stadtverwaltungen vieler großer und mittlerer Städte ebenso wie bei nationalen Regierungen der politische Wille zur Katastrophenvorsorge nach wie vor fehlt. Für die Bewusstseinsbildung wird der Internationalen Gemeinschaft, insbesondere ISDR und Netzwerken wie der Earthquake and Megacities Initiative (EMI), den Local Governments for Sustainability (ICLEI) u.a. eine bedeutende Rolle beigemessen. Die Äußerungen der Bürgermeister von Rio de Janeiro und des besonders betroffenen Vorortes Niteroi haben diesen Bedarf bei den jüngsten Ereignissen erneut erschreckend deutlich gemacht.
Dr. Christina Bollin, Rio de Janeiro
Anm. zu Punkt „umstrittene Verantwortung“
„Es war wie ein Tsunami […] und Niemand hat die asiatischen Regierungen für den Tsunami verantwortlich gemacht und Niemand die Chilenen für das Erdbeben“
Reaktion des Bürgermeisters des Vorortes Niteroi, Jorge Roberto de Silveira, auf die Kritik, die Stadtverwaltung habe Mitschuld am Abrutsch einer Favela auf einer 1982 geschlossenen Müllkippe, bei der vermutlich ca. 100 Menschen ums Leben kamen. De Silveira war von 1989 bis heute mit Unterbrechungen 11 Jahre lang der Bürgermeister von Niteroi.